Redispatch 2.0 und PV
Redispatch 2.0 ersetzt seit Oktober 2021 das alte Einspeisemanagement und bezieht alle Erzeugungsanlagen ab 100 kW in das Netzengpassmanagement ein. Dieser Eintrag beschreibt das operative Verfahren für PV-Betreiber: Pflichten, Ablauf eines Eingriffs und die Entschädigung für abgeregelte Einspeisemengen. In kapazitätslimitierten Netzgebieten soll diese Entschädigung nach dem Netzanschlusspaket-Entwurf vom 29.07.2026 für neue Anlagen teilweise entfallen.
Abgrenzung: Dieser Eintrag beschreibt das geltende operative Verfahren Redispatch 2.0 und was es für PV-Betreiber praktisch bedeutet. Das Zukunftskonzept zur Einbindung kleinteiliger Flexibilitäten behandelt der Eintrag Redispatch 3.0; den geplanten Entschädigungsverzicht beim Netzanschluss beschreibt Redispatch-Vorbehalt.
Hintergrund
Die Stromnetze in Deutschland sind auf historische Lastflüsse ausgelegt — von großen Kraftwerken im Süden und Westen zu Verbrauchern überall. Der massive Zubau erneuerbarer Energien im Norden und Osten hat die Lastflüsse umgekehrt. Wenn mehr Strom erzeugt als transportiert werden kann, entstehen Netzengpässe. Redispatch ist das Instrument, um diese Engpässe durch gezieltes Hoch- und Herunterfahren von Erzeugungsanlagen zu managen.
Von Einspeisemanagement zu Redispatch 2.0
| Merkmal | Einspeisemanagement (bis 09/2021) | Redispatch 2.0 (ab 10/2021) |
|---|---|---|
| Betroffene Anlagen | Nur EE und KWK | Alle Erzeuger ab 100 kW |
| Steuerungsbasis | Ist-Einspeisung | Prognosebasiert |
| Datenlieferung | Einfach (Stammdaten) | Komplex (Prognosen, Fahrpläne) |
| Koordination | VNB allein | VNB erstellt Prognosen, ÜNB koordiniert |
| Kostenwälzung | EEG-Umlage | Netzentgelte |
| Entschädigung | Pauschal oder tatsächlicher Ertragsverlust | Basierend auf Ausfallarbeit |
Ablauf eines Redispatch-Eingriffs
Der Prozess folgt einem standardisierten Ablauf mit mehreren Akteuren:
- Prognose: Der Verteilnetzbetreiber (VNB) erstellt eine Einspeiseprognose für jede betroffene Anlage. Für PV basiert diese auf Wetterdaten und Anlagenparametern.
- Engpasserkennung: Der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) erkennt drohende Netzengpässe im Day-Ahead- oder Intraday-Zeitfenster.
- Maßnahmenplanung: Der ÜNB bestimmt, welche Anlagen heruntergefahren (negative Redispatch-Maßnahme) und welche hochgefahren werden müssen.
- Abruf: Der VNB setzt die Maßnahme um und steuert die betroffenen Anlagen über Fernwirktechnik oder den Direktvermarkter.
- Bilanzierung: Die Ausfallarbeit wird berechnet und der Betreiber entschädigt.
Auswirkungen auf PV-Anlagen ab 100 kW
Pflichten des Anlagenbetreibers
Betreiber von PV-Anlagen ab 100 kW müssen:
- Stammdaten im Marktstammdatenregister aktuell halten
- Fernsteuerbarkeit gewährleisten (Fernwirkanlage oder über Direktvermarkter)
- Verfügbarkeitsstatus an den Netzbetreiber melden
- Bei Direktvermarktung: Fahrpläne über den Vermarkter bereitstellen
Abregelungsmengen
Die abgeregelte Strommenge (Ausfallarbeit) variiert stark nach Region und Netzausbaustand.
| Region | Typische Abregelung PV (Anteil am Jahresertrag) |
|---|---|
| Schleswig-Holstein | 3–6 % |
| Mecklenburg-Vorpommern | 2–5 % |
| Brandenburg | 1–3 % |
| Niedersachsen | 1–3 % |
| Bayern | < 1 % |
| Nordrhein-Westfalen | < 0,5 % |
Deutschlandweit wurden 2024 rund 6,5 TWh erneuerbare Energie abgeregelt, davon etwa 1,8 TWh PV. Die Kosten dafür tragen über die Netzentgelte alle Stromverbraucher.
Entschädigungsmechanismus
Die Entschädigung richtet sich nach dem entgangenen Erlös:
| Vermarktungsform | Entschädigungsbasis |
|---|---|
| EEG-Einspeisevergütung | Anzulegender Wert nach EEG |
| Direktvermarktung (Marktprämie) | Monatlicher Marktwert Solar + Managementprämie |
| Sonstige Direktvermarktung | Nachweis des entgangenen Erlöses |
Die Berechnung der Ausfallarbeit basiert auf der Differenz zwischen prognostizierter Einspeisung ohne Eingriff und tatsächlicher Einspeisung während des Eingriffs. Prognosefehler können zu Über- oder Unterkompensation führen — ein bekanntes Problem, das die Bundesnetzagentur sukzessive adressiert.
Größenordnung der Entschädigungen
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Entschädigungen für abgeregelte EE-Anlagen 2025 | rund 433 Mio. Euro |
| Gesamtkosten Engpassmanagement 2024 | rund 3,0 Mrd. Euro |
Die Entschädigungen an Anlagenbetreiber sind also nur ein Bruchteil der Gesamtkosten des Engpassmanagements – der größere Teil entfällt auf das Hochfahren von Ersatzkraftwerken und weitere Maßnahmen. Getragen werden die Kosten über die Netzentgelte von allen Stromverbrauchern.
Geplant: Entschädigungsverzicht in kapazitätslimitierten Netzgebieten
Das Bundeskabinett hat am 29. Juli 2026 den Regierungsentwurf für das Netzanschlusspaket beschlossen. Er greift den Entschädigungsmechanismus direkt an: In als kapazitätslimitierte Netzgebiete ausgewiesenen Regionen sollen neue Anlagen vorrangigen Netzanschluss nur erhalten, wenn ihre Betreiber im Gegenzug auf die Entschädigung für 18 bis 20 % ihres Jahresstromertrags verzichten – in Windvorranggebieten 18 %. Dieser Redispatch-Vorbehalt betrifft ausschließlich Neuanlagen; für Bestandsanlagen bleibt die Entschädigung nach geltendem Recht unverändert.
Rechtsstand: Regierungsentwurf, kein geltendes Recht. Bundestag (Beratung ab Herbst 2026), Bundesrat und der verbindliche Gesetzestext stehen aus. Zwei Rechtsgutachten halten den Vorbehalt für europarechtswidrig.
Praxisprobleme
Prognoseunsicherheit
PV-Einspeiseprognosen haben eine typische Fehlerrate von 10 bis 25 Prozent auf Stundenbasis. Wird eine Anlage auf Basis einer zu hohen Prognose abgeregelt, obwohl der tatsächliche Ertrag den Engpass gar nicht verursacht hätte, erhält der Betreiber zwar eine Entschädigung — die Abregelung war aber unnötig.
Datenkomplexität
Die Anforderungen an Datenlieferung und -qualität überfordern insbesondere kleinere Anlagenbetreiber. In der Praxis übernimmt häufig der Direktvermarkter die Datenbereitstellung und Kommunikation mit dem Netzbetreiber.
Verzögerte Abrechnung
Die Abrechnung der Entschädigungsansprüche erfolgt teilweise mit Verzögerungen von 6 bis 18 Monaten. Betreiber sollten die Redispatch-Maßnahmen über ihr Monitoring-System dokumentieren, um Ansprüche im Streitfall belegen zu können.
Ausblick
Mit steigendem PV-Zubau und langsamerem Netzausbau werden Redispatch-Maßnahmen häufiger. Die Bundesnetzagentur arbeitet an vereinfachten Verfahren und einer stärkeren Digitalisierung des Prozesses. Langfristig sollen flexible Verbraucher (Wärmepumpen, E-Autos, Speicher) einen Teil des Redispatch-Bedarfs durch Lastverschiebung auffangen.
Häufige Fragen
Ab welcher Anlagengröße gilt Redispatch 2.0?
Wie werden PV-Betreiber bei Abregelung entschädigt?
Was hat sich gegenüber dem alten Einspeisemanagement geändert?
Quellen
- DGS – Redispatch 2.0: Herausforderungen für PV-Betreiber ab 100 kWp
- Bundesnetzagentur – Netzengpassmanagement
- Next Kraftwerke – Wissen: Redispatch
- BMWE – EEG-Novelle und Netzanschlusspaket im Bundeskabinett beschlossen (29.07.2026)
- IWR – Bundeskabinett beschließt EEG-Novelle 2027 und Netzanschlusspaket (29.07.2026)