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Strukturwandel im PV-Zubau: Freifläche wächst, Hausdach bricht ein

Erstmalige Segment-Analyse des deutschen PV-Zubaus auf Basis MaStR-Daten: Freiflächenanlagen legen 23 % zu, Heimsegment verliert 35 %. Nur 0,3 % der Neuanlagen liefern 51 % der neuen Leistung.

· 5 Min. Lesezeit · Redaktion
Kontrast zwischen Balkonkraftwerk an einer Hausfassade und einem großen Freiflächensolarpark
Illustration: KI-generiert

Der deutsche PV-Zubau verschiebt sich. Eine erstmalige Segment-Analyse aller 5,86 Millionen im Marktstammdatenregister erfassten Solaranlagen durch solarzubau.de zeigt: In den vergangenen zwölf Monaten war Freifläche das einzige wachsende Segment — während Hausdach, Gewerbe und Balkonkraftwerke rückläufig sind.

Vier Segmente, ein klares Bild

SegmentAnlagen 12MLeistung 12MΔ Vorjahr (Leistung)
Balkonkraftwerk (≤ 2 kWp)361.561466 MW−8 %
Heimsegment (2–30 kWp)348.8234.025 MW−35 %
Gewerbe (> 30 kWp Dach)14.1432.560 MW−35 %
Freifläche1.9378.096 MW+23 %
Gesamt726.46415.147 MW

Die Klassifikation basiert auf dem MaStR-Feld ArtDerSolaranlage und den Leistungsschwellen des EEG. Die Größenklassen folgen der BSW-Solar-Taxonomie.

Freifläche: 0,3 % der Anlagen, 53 % der Leistung

Die auffälligste Zahl: 1.937 Freiflächenanlagen machten gerade einmal 0,3 % aller Neuinstallationen aus — lieferten aber mit 8.096 MW mehr als die Hälfte der gesamten neu installierten Leistung. Die durchschnittliche Freiflächenanlage bringt 4,2 MW — das Dreihundertfache eines typischen Balkonkraftwerks.

Gegenüber dem Vorjahr legte das Segment um 23 % zu (Leistung). Getrieben wird der Zubau vor allem durch die ostdeutschen Flächenländer.

Freifläche nach Bundesland

RangBundeslandAnlagenLeistung
1Bayern7372.648 MW
2Sachsen-Anhalt89867 MW
3Mecklenburg-Vorpommern75712 MW
4Brandenburg66675 MW
5Baden-Württemberg197639 MW

Bayern führt das Freifläche-Ranking deutlich an — allerdings verteilt auf 737 Anlagen mit einer Durchschnittsgröße von 3,6 MW. Sachsen-Anhalt erreicht mit nur 89 Anlagen fast ein Drittel der bayerischen Leistung: durchschnittlich 9,7 MW pro Anlage.

Heimsegment: Stärkster Rückgang seit EEG-Reform

Das Heimsegment (private Dachanlagen 2–30 kWp) verliert am stärksten: −35 % gegenüber dem Vorjahr bei der installierten Leistung. Absolut wurden 348.823 Anlagen mit 4.025 MW zugebaut — im Vorjahreszeitraum waren es noch 547.094 Anlagen mit 6.153 MW.

Der Rückgang betrifft alle Bundesländer. Die Ursachen dürften zusammenspielen: nachlassender Nachholeffekt nach der Energiekrise 2022/23, die halbjährliche Degression der Einspeisevergütung, steigende Finanzierungskosten — und wachsende Verunsicherung über die regulatorischen Pläne ab 2027. Ein geleakter EEG-Entwurf sieht unter anderem eine 50-%-Einspeisekappung für Aufdachanlagen unter 100 kWp vor. Ob und in welcher Form diese Regelung kommt, ist offen — die Diskussion allein dürfte aber bereits Kaufentscheidungen verzögern.

Gewerbe: Gleichlauf mit Heimsegment

Das Gewerbe-Segment (Dachanlagen > 30 kWp) zeigt mit −35 % denselben Rückgang wie das Heimsegment. 14.143 neue Gewerbedachanlagen kamen in den vergangenen zwölf Monaten hinzu — mit einer Durchschnittsleistung von 181 kWp.

Ab 100 kWp greift die Direktvermarktungspflicht, ab 750 kWp die Ausschreibungspflicht für Dachanlagen (§ 22 EEG, seit Mai 2025). Beide Schwellen bremsen die Investitionsbereitschaft. Hinzu kommt die Unsicherheit über die diskutierten Contracts for Difference (CfD), die das bisherige Marktprämienmodell ablösen könnten.

Balkonkraftwerke: Plateau nach dem Boom

Der Markt für Balkonkraftwerke kühlt sich ab: 361.561 Neuregistrierungen in den vergangenen zwölf Monaten bedeuten ein Minus von 8 % bei der Leistung gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das ist kein Einbruch, aber eine Normalisierung nach dem Rekordlauf 2024, der durch das Solarpaket I ausgelöst wurde.

Balkonkraftwerke nach Bundesland

RangBundeslandAnlagen 12M
1Nordrhein-Westfalen71.818
2Bayern55.269
3Baden-Württemberg50.431
4Niedersachsen43.556
5Hessen25.689

NRW führt das Balkonkraftwerk-Ranking mit Abstand — getrieben durch den hohen Anteil an Mietwohnungen und städtischer Bevölkerung.

Einordnung: Kapazität vs. Anlagenzahl

Die Segment-Analyse zeigt eine wachsende Diskrepanz zwischen Anlagenzahl und installierter Leistung:

KennzahlBalkon + HeimGewerbeFreifläche
Anteil Anlagen97,8 %1,9 %0,3 %
Anteil Leistung29,6 %16,9 %53,4 %

Knapp 98 % aller neuen Solaranlagen sind Balkonkraftwerke oder private Hausdachanlagen — zusammen tragen sie aber weniger als ein Drittel der neuen Leistung bei. Freifläche mit 0,3 % der Anlagen liefert über die Hälfte der Kapazität.

Freiflächensolarpark in norddeutscher Agrarlandschaft

Ausbauziele in Gefahr

Die Bundesregierung hat im EEG einen jährlichen PV-Zubau von 22 GW als Zielmarke verankert. In den vergangenen zwölf Monaten wurden 15,1 GW installiert — ein Defizit von knapp 7 GW.

KennzahlIst (12M)Ziel (EEG)Lücke
Gesamtzubau15,1 GW22 GW−6,9 GW
Davon Freifläche8,1 GW
Davon Dach + Balkon7,0 GW

Selbst wenn Freifläche das aktuelle Wachstum von 23 % beibehält, reicht das nicht. Für 22 GW müssten entweder die Genehmigungsverfahren für Solarparks massiv beschleunigt werden — oder das Heimsegment wieder anzieht.

Das Heimsegment bräuchte dafür eine Trendwende: Von derzeit 4,0 GW auf mindestens 8–10 GW pro Jahr. Bei der aktuellen Rückgangsrate von −35 % ist das ohne politische Impulse unwahrscheinlich. Sollte der EEG-Entwurf für 2027 in der geleakten Form kommen, stehen dem Heimsegment weitere Hürden bevor: der Wegfall der festen Einspeisevergütung für Anlagen bis 25 kWp und eine 50-%-Einspeisekappung für Dachanlagen unter 100 kWp. Beides sind bisher Entwürfe, kein geltendes Recht — aber die Signalwirkung auf den Markt ist bereits spürbar.

Die Balkonkraftwerke tragen mit 466 MW zwar kaum zum Leistungszubau bei, stabilisieren aber die Anlagenzahlen — und damit die öffentliche Wahrnehmung des PV-Ausbaus.

Methodik

Die Analyse basiert auf dem Gesamtdatenexport des Marktstammdatenregisters der Bundesnetzagentur (Stand: April 2026). Die Klassifikation nutzt das MaStR-Feld ArtDerSolaranlage (Code 852 = Freifläche, 853 = Gebäude, 2961 = Steckersolargerät) in Kombination mit den Leistungsschwellen des EEG. Zeitraum: rollierende 12 Monate.

Regionale Segment-Daten sind auf solarzubau.de für alle Bundesländer, Landkreise und Gemeinden einsehbar — inklusive Monatsvergleich mit Vorjahr und CSV-Download.

Quellen

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